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Copyright© Vera Reith, Diplom-Hydrologin, März 2012
Neue Wirkstoffe im Pflanzenschutz 2012An der vordersten Front bei der Einführung neuer Wirkstoffe stehen wie schon in den letzten Jahren die Fungizide.
Mit weitem Abstand folgen die Insektizide. Obwohl einige in den letzten
Jahren neu in Deutschland angekommene Schädlinge - man denke nur an den
Maiswurzelbohrer (Diabrotica virgifera), die Kirschessigfliege
(Drosophila suzukii), die Walnussfruchtfliege (Rhagoletis completa) und
der Buchsbaumzünsler (Cydalima perspectalis) - für Aufsehen sorgten,
gibt es auf diesem Gebiet nur wenig Neuentwicklungen. Auch von den
Herbiziden hört man kaum Neues, hier ist Glyphosat noch immer Marktführer.
1. PenflufenPenflufen ist ein neues Fungizid von Bayer. Es wurde 2011 erstmals in Großbritanien als Saatgutbehandlungsmittel EMESTO für den Kartoffelanbau zugelassen. Weitere Zulassungen werden 2012 unter anderem in den USA und in Kanada erwartet. Die EU-weite Zulassung ist beantragt, die Entscheidung hierüber steht noch an. Für den Wirkstoff gibt es in den folgenden Kulturen weitere Einsatzmöglichkeiten: Getreide, Reis, Baumwolle und Ölsaaten wie Raps und Soja. Penflufen gehört zur Gruppe der SDH (Succinatdehydrogenase)-Inhibitoren.[2]Kenngrößen [1]PyrazolderivatCAS: 494793-67-8 Summenformel: C18 H24 F N3 O Molmaße: 317,4 Wasserlöslichkeit (bei 20°C): 10,9 mg/l Log Pow: 3,3 Halbwertszeit im Boden: 192 d (Laborwert) LD50 (Ratte, oral) > 2000 mg/kg LC50 (Karpfen, 96h) 1,68 mg/l LD50 (Honigbiene) >100 µg/Biene Was an diesem Wirkstoff unschön auffällt, ist die hohe Halbwertszeit im Boden. Außerdem findet keine Hydrolyse und nur langsam Photolyse statt [1]. Der Wirkstoff muß damit als persistent eingestuft werden. Aufgrund der angegebenen letalen Dosis hat er eine mäßige Toxizität. Im Tierversuch traten Veränderungen in der Leber auf [3]. Gekennzeichnet ist der Wirkstoff mit R50/53 (sehr giftig für Wasserorganismen, kann in Gewässern längerfristig schädliche Wirkung haben) und N (umweltgefährlich).
2. AmetoctradinAmetoctradin ist ein neues Fungizid von BASF. Es wird ebenfalls im Kartoffelanbau eingesetzt gegen die Kraut- und Knollenfäule. Der Wirkstoff wurde 2011 erstmals in Deutschland zugelassen und wird auch mit dem Handelsnamen Initium gleichgesetzt.Folgende Handelsprodukte enthalten den neuen Wirkstoff:
"Orvego Duo" (80 g/kg Ametoctradin + 480 g/kg Mancozeb) Zulassungsnr. 006856-00 Als weitere Einsatzgebiete werden vom Hersteller Gemüsesorten wie Gurken und Tomaten sowie Trauben zukünftig angestrebt.
Kenngrößen [1]Triazol-PyrimidinderivatCAS: 865318-97-4 Summenformel: C15 H25 N5 Molmasse: 275,4 Wasserlöslichkeit (bei 20°C): 0,15 mg/l Log Pow: 4,4 Halbwertszeit im Boden: 1,5 bis 3,5 d (Laborwert) LD50 (Ratte, oral) > 2000 mg/kg LC50 (Regenbogenforelle, 96h) 0,065 mg/l LD50 (Honigbiene) >100 µg/Biene
Die Angaben zur Fischtoxizität des Wirkstoffes sind sehr unterschiedlich
und reichen von sehr hohe Toxizität (LC 50=0,065 mg/l) bis mittlere
Toxizität (LC50=23,1 mg/l, Herstellerangabe). Das Mittel Orvego Duo
ist mit R50/53 (sehr giftig für Wasserorganismen, kann in Gewässern
längerfristig schädliche Wirkung haben), N (umweltgefährlich) und Xn
(gesundheitschädlich) eingestuft, der Wirkstoff selbst ist nur mit dem
Gefahrensatz R 52/53 (schädlich für Wasserorganismen, s.o.) belegt.
3. FluxapyroxadFluxapyroxad ist ein neues Fungizid von BASF. Es kann gegen Braunrost, Echter Mehltau, Halmbruchkrankheit usw. an Weizen, Gerste, Roggen und Triticale eingesetzt werden.Handelsprodukte, die den neuen Wirkstoff enthalten, sind:
"Imbrex"(62,5 g/l Fluxapyroxad) Die Mittel wurden erstmals in österreich 2012 zugelassen.
Kenngrößen [1]PyrazolderivatCAS: 907204-31-3 Summenformel: C18 H12 F5 N3 O Molmasse: 381,3 Wasserlöslichkeit (bei 20°C): 3,78 mg/l Log Pow: 3,08 Halbwertszeit im Boden: 183 d (Laborwert) LD50 (Ratte, oral) > 2000 mg/kg LC50 (Regenbogenforelle, 96h) 0,54 mg/l
Aufgrund der hohen Halbwertszeit muß der Wirkstoff als persistent
eingestuft werden, er ist nicht leicht biologisch abbaubar [7].
4. IndaziflamIndaziflam ist ein neues Herbizid von Bayer. Es soll als Basisherbizid mit breitem Wirkungsspektrum vorallem in mehrjährigen Kulturen wie Obstbaumplantagen, Weinbau, Oliven- und Zitrusfrüchteanbau zum Einsatz kommen, aber auch Sport- und Golfplätze sind mögliche Einsatzbereiche. Das Mittel ist seit 2010 in den USA unter den Handelsnamen "Specticle" und "Alion" zugelassen. [9], [10]
Kenngrößen [1], [11]Triazinderivat bzw. AlkylazinCAS: 950782-86-2 Summenformel: C16 H20 F N5 Molmasse: 301,3 Wasserlöslichkeit (bei 20°C): 2,8 mg/l Log Pow: 2,8 Halbwertszeit im Boden: 150 d (Laborwert) LD50 (Ratte, oral) >2000 mg/kg LC50 (?, 96h) < 1,0 mg/l Ein wichtiger Unterschied zu den herkömmlichen Triazinen wie Atrazin und Simazin ist, daß anstelle eines Chlorsubstituenten am Triazinring ein Fluorehtylsubstituent sitzt [11]. Der Wirkstoff muß als mäßig persistent bis persistent eingestuft werden. Er wirkt neurotoxisch [1] und ist sehr fischgiftig [11]. Ob auch eine Zulassung in Europa angestrebt wird, ist noch offen.
5. FluopyramFluopyram ist ein neues Fungizid von Bayer. Es kommt als Breitbandfungizid für mehr als 70 Kulturen z. B. gegen Grauschimmel, Echter Mehltau, Monilia, usw. in Frage [12]. Unter dem Produktgruppennamen "Luna" wird der Wirkstoff zur Zeit in verschiedenen Ländern zugelassen, z.B. in den USA im Obstanbau [13]. Die Zulassung in Deutschland wird in den nächsten Wochen für den Weinanbau erwartet:
"Luna Experience" (200 g/l Fluopyram + 200 g/l Tebuconazol)
Kenngrößen [1]BenzamidCAS: 658066-35-4 Summenformel: C16 H11 Cl F6 N2 O Molmasse: 396,7 Wasserlöslichkeit (bei 20°C): 15 mg/l Log Pow: 3,3 Halbwertszeit im Boden: 372 d (Laborwert), 118 d (Feldstudie) LD50 (Ratte, oral) > 2000 mg/kg LC50 (Goldelritze, 96h) 0,98 mg/l LD50 (Honigbiene) >100 µg/Biene Der Wirkstoff ist im Boden sehr persistent, es findet keine Hydrolyse statt. Er gilt als neurotoxisch, reproduktionsschädlich und leber-,blut-, und schilddrüsengiftig [1]. In hohen Dosen verabreicht verursachte er im Tierversuch einen Anstieg von Leber- und Schilddrüsentumoren [14].
FazitWas überrascht sind die hohen Halbwertszeiten der Wirkstoffe, und bei dem einzigen Wirkstoff mit kurzer Halbwertszeit "Ametroctradin", sind die Abbauprodukte langlebig. Die Wirkstoffe sind allesamt fischgiftig, sollten also tunlichst nicht ins Gewässer gelangen, egal ob durch Abdrift oder durch Interflow.Leider ist ein Wirkstoff, der nur dort wirkt, wo er soll und sich ansonsten in Luft auflöst, noch nicht gefunden ...
Quellennachweise[1] University of Hertfordshire: Pesticide Properties Database, 2012[2] Bayer: Weltweit erste Zulaßung für Emesto, Preßenotiz vom 8.8.2011 [3] Advisory Committee on Pesticides (ACP): Record of Discussion 347, 15.1.2011 u. 348, 13.3.2011 [4] Sicherheitsdatenblatt Penflufen FS 50 vom 30.3.2010 [5] Alan Wood: Compendium of Pesticide Commen Names, 2012 [6] BVL: PSM-Zulassungsbericht Orvego Duo, 19.1.2011 [7] Sicherheitsdatenblatt Adexar, 13.2.2012 [8] Landesbetrieb Landwirtschaft Hessen: Bekämpfung der Kraut- und Knollenfäule 2012 [9] Bayer: Bayer stellt neuen Herbizid-Wirkstoff Indaziflam vor, Pressenotiz vom 9.2.2009 [10] Bayer: Neues Herbizid Indaziflam erstmals zugelassen, Pressenotiz vom 6.9.2010 [11] EPA: Pesticide Fact Sheet Indaziflam, 26.6.2010 [12] Bayer: Neuer Fungizidwirkstoff Fluopyram, Pressenotiz vom 7.5.2009 [13] Bayer: Neues Fungizid Luna in den USA zugelassen, Pressenotiz vom 14.2.2012 [14] Material Safety Data Sheet Luna Experience, 6.2.2012
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